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14. Februar 2017

Im Gespräch - Mitgefühl ist der beste Schutz

Mitarbeiter in Gesundheitsberufen sehen viel Leid. Wie können sie offen und mitfühlend bleiben, selbst wenn die Medizin am Ende ist? Diese Fragen beantwortet Spiritual Care in überkonfessionellen Seminaren wie "Achtsamkeit und Mitgefühl", das am 26. April in Sukhavati startet. Kursleiterin Kirsten DeLeo spricht über neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Spiritualität im beruflichen Alltag.

Kirsten DeLeo

 

Mitarbeiter in Gesundheitsberufen sind oft höchst motiviert, Leid zu lindern. Dennoch stoßen sie an Grenzen: Was macht es so schwer, im beruflichen Alltag präsent und mitfühlend zu handeln?
Die Tatsache, dass wir mitleiden. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass wir auch als Beobachter wirklich Leid erfahren, wenn wir andere körperlich oder psychisch leiden sehen. Diese Empathiefähigkeit ist nützlich, da sie wichtige Informationen vermittelt und eine Brücke zum anderen baut. Die Gefahr ist jedoch, dass man auf der Gefühlsebene steckenbleibt, etwa wenn man kein gesundes Selbstverständnis der eigenen Grenzen entwickelt hat. Der Schmerz der Patienten wird dann mehr, als man ertragen kann.

Wie gut sind Mitarbeiter in helfenden Berufen auf den Umgang mit Leid vorbereitet?
Sie sind zwar fachlich gut vorbereitet, aber im Umgang mit Leid fühlen sie sich oft ratlos und allein gelassen. Dabei geht es um wichtige Fragen: Wie bleibe ich im Angesicht von Leid offen und mitfühlend, auch wenn ich medizinisch nichts mehr tun kann? Wie erkenne ich die tieferen und spirituellen Bedürfnisse von Patienten, die oftmals aus innerer Hilf- oder Sprachlosigkeit unbenannt bleiben? Die Hilflosigkeit der Helfer führt nicht selten zu tiefer Frustration bis hin zum Burnout. Die Patienten leiden noch mehr und empfinden ihre Schmerzen schlimmer.

Wo setzen die Kurse von Spiritual Care an?
Es geht um die Fähigkeit, auf die praktischen, emotionalen sowie tieferen menschlichen und spirituellen Bedürfnisse von Patienten einzugehen. Wir zeigen, wie wir die Qualitäten von mitfühlender Mitmenschlichkeit, Toleranz, Liebe oder Verantwortungsbewusstsein für uns selbst und andere in der Pflege und Begleitung konkret umsetzen können.

Ist Spiritual Care ein Synonym für Krankenhausseelsorge?
Nein. Spiritual Care ist eine Basiskompetenz aller Gesundheitsberufe und hat im Berufsalltag weniger damit zu tun, was wir tun, als wie wir sind. Es geht um die innere Haltung, mit der wir andere wahrnehmen und mit der wir handeln. Eine klare und einfühlsame Präsenz, die sich den Bedürfnissen und Sinnfragen der Patienten angst- und vorurteilsfrei öffnet, kann zutiefst heilend sein. Sie kann Menschen in Lebenskrisen und Not großen Beistand und Vertrauen geben.

Was genau lernen die Menschen in Ihren Kursen?
Wir stellen Einsichten und Kontemplationen aus Sogyal Rinpoches "Tibetischem Buch vom Leben und vom Sterben" vor. Das heißt, wir lehren kontemplative Methoden wie Achtsamkeit und Meditation, also ganz praktische Handwerkszeuge, um die menschlichen Qualitäten wie Mitgefühl und Präsenz bewusster zu leben und anzuwenden. Mit ihrer Hilfe können Mediziner, Krankenschwestern, Therapeuten oder Seelsorger ihre beruflichen Kompetenzen erweitern und ihre Fähigkeit, für andere da zu sein, vertiefen.

Muss man dafür Buddhist sein oder irgendwie religiös oder spirituell?
Nein, die Fortbildungen nutzen die authentischen buddhistischen Methoden der tibetischen Tradition, die 1000 Jahre lang erprobt und bewährt sind, und die unabhängig vom spirituellen oder weltanschaulichen Hintergrund angewendet werden können. Besonders im tibetischen Buddhismus finden wir eine lange Geschichte und tiefe Einsicht in das Wesen des Mitgefühls und des menschlichen Geistes sowie eine einzigartige und wirkungsvolle Methodik, um die natürliche Qualität des Mitgefühls und Gewahrseins zu vertiefen. Diese Methodik steht auch im Zentrum neuster neurowissenschaftlicher Studien.

Wie reagiert die medizinische Fachwelt auf solche Kurse?
Neurowissenschaftliche Studien beleuchten den Nutzen des kontemplativen Ansatzes und der praktischen Anwendung von Methoden wie Meditation, Empathie- und Mitgefühlsreflektionen. Diese Studien bilden einen neuen Kontext für die berufliche Aus- und Fortbildung im Gesundheitswesen. Doch trotz dieser Erkenntnisse sind Seminare, die diesen Ansatz anbieten, noch nicht weit verbreitet.

Dennoch: Wenn ich mehr Präsenz und Mitgefühl aufbringe, leide ich dann nicht noch mehr?
Nein, ganz im Gegenteil. Neue Studien deuten daraufhin, dass übermäßige klinische Distanz nicht, wie gemeinhin angenommen, ein effektives Rezept für gute Pflege und eine sichere Strategie gegen Burnout ist. Echtes Mitgefühl hat nichts Sentimentales an sich und verharrt auch nicht in emotionaler Betroffenheit. Beides würde unweigerlich zur Erschöpfung führen. Echtes Mitgefühl hat die Qualitäten von Offenheit, Zuversicht und gibt uns Energie. Es hat vor allem eine gute Portion praktischer Intelligenz und Weisheit, die uns hilft, angemessen und effektiv zu handeln. Darüber hinaus schafft Mitgefühl eine feinfühlende Akzeptanz dafür, dass wir nicht in allen Fällen helfen können, ohne dabei in Mutlosigkeit zu gleiten. Mit selbstlosem Mitgefühl wächst die Fähigkeit, urteilsfrei gewahr zu sein, was uns wiederum hilft, klarer auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Diese Art von Mitgefühl kann zutiefst nährend sein - sowohl für den Menschen, der leidet, als auch für den Menschen, der pflegt oder betreut. Für den klinischen Alltag heißt das: Mitgefühl ist der beste Schutz, um mit Leiden umzugehen.

Wo stünde die Welt, wenn die spirituelle Dimension in der Arbeit von Menschen in helfenden Berufen auf mehr Wissen, Verständnis und Fähigkeiten treffen würde?
Dies ist eine gute und wichtige Frage. Die spirituelle Dimension ist für mich Teil der menschlichen Erfahrung und Sinnfindung und bildet das Fundament für die Kunst des Heilens und des Daseins für andere. Je mehr wir uns - individuell aber auch als Gesellschaft und in unserem Gesundheitssystem - den tieferen menschlichen und spirituellen Fragen des Lebens und Sterbens öffnen, desto weniger werden wir Opfer von Angst, Zweifel, Aggression, Stress und Hoffnungslosigkeit und der irrigen Anwendung von Prinzipien wie Produktivität und Leistung im Bereich Gesundheit. In dem Maß, wie wir den Mut aufbringen, uns diesen Fragen zu stellen, werden wir fähig sein, Leiden zu lindern und zu transformieren und Freude finden, an dem, was wir tun, sowie innere Zufriedenheit.

Kirsten DeLeo ist internationale Ausbilderin in Spiritual Care, Leiterin von Meditationskursen und Hakomi-Therapeutin. Seit Anfang der neunziger Jahre ist sie in der Sterbe- und Trauerbegleitung in Deutschland und den USA tätig.

Seminare mit Kirsten DeLeo 2017 in Sukhavati: Achtsamkeit und Mitgefühl, Auszeit und Was am Ende zählt.

Interview Jana Biedka