Journal

20. Dezember 2016

Interview – Es liegt an uns selbst, ob wir uns öffnen

Seit einem dreiviertel Jahr arbeitet Regina Scholz für die Sukhavati Pflege. Spiritual Care war der gelernten Fachschwester für Anästhesie und Intensivmedizin zuvor kein Begriff. Die Fortbildung „Deep Listening“ erschloss ihr dann völlig neue Ebenen. Ein Gespräch über meditierende Katholiken, ansteckende Bücher und Geschenke, die man lernen kann.

Bild der Münchner Künstlerin Karin Krüger im Pflegebereich von Sukhavati (Ausschnitt)

 

Wie kamen Sie zur Sukhavati Pflege?
Ich habe lange als Schwester in der Onkologie gearbeitet und war auf der Suche nach etwas Anderem, etwas Neuem, wo ich mehr verändern, mich mehr einbringen kann. Dann bin ich auf die Ausschreibung von Sukhavati gestoßen, und die klang sehr spannend.

Welche Ausbildung und Erfahrungen brachten Sie mit?
Ich habe in Berlin Krankenschwester gelernt und dann sieben Jahre auf einer Intensivstation in Frankfurt (Oder) gearbeitet, wo ich auch meine Fachschwester für Anästhesie und Intensivmedizin gemacht habe. Dann habe ich geheiratet, drei Kinder bekommen und eben zwanzig Jahre Patienten mit einer Krebserkrankung betreut.

Was hat Sie gereizt an Sukhavati?
Dieses ganzheitliche Wahrnehmen des Menschen. Und meine Hoffnung, mehr Zeit zu haben und auch dem anderen mehr Zeit zu geben, sich mit seiner Situation vertraut zu machen.
Beim Vorstellungsgespräch waren alle so erfüllt vom neuen Geist des Projektes und haben sprühend erzählt. Dann gaben sie mir auch noch das "Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben" von Sogyal Rinpoche. Mit dem fuhr ich nach Hause, und schon in der S-Bahn las ich drin. Das war wie eine ... Infektion!

Wie erleben Sie das Zentrum für Spiritual Care im Vergleich zu Ihrem früheren Arbeiten?
Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich kann in Ruhe arbeiten und mir die Zeit nehmen, um zuzuhören und die Bedürfnisse der Pflegegäste wahrzunehmen. Für mich ist es ganz neu, fremd und wunderschön. Stress, Hierarchien - das alles bleibt außen vor. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen ist es wie eine Oase.

Sukhavati hat buddhistische Wurzeln, Sie sind Christin: Gab es da einen Konflikt für Sie, gibt es Reibungspunkte?
Ich bin Katholikin und praktiziere den Glauben auch ehrlichen Herzens. Wenn wir in Sukhavati meditieren oder vor der Teamsitzung in Stille sitzen, dann mache ich nach Gefühl, was zu mir kommt. Wenn es ein Gebet ist, dann bete ich. Auf alle Fälle verbinde ich mich mit mir selbst.
Im Buddhismus ist so viel Gutes und Verbindendes, und das "Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben" zitiert so oft die Bibel, dass ich mich gut aufgehoben fühle und viele Gemeinsamkeiten entdecke. Es liegt an uns selbst, ob wir uns öffnen.

Sie haben gleich zu Beginn an dem Kurs Deep Listening - das Unausgesprochene hören teilgenommen? Er ist ein Element der Spiritual Care-Ausbildung, die Sukhavati als berufliche Fortbildung anbietet. Wie sind Sie da rangegangen, was sagte Ihnen das Programm?
Nachdem feststand, dass ich in Sukhavati arbeiten werde, wurde mir empfohlen, diese Fortbildung zu nutzen. Zunächst dachte ich, das sei eine Nummer zu groß für mich, ich hatte von Spiritual Care ja noch gar keine Ahnung. Und dann hat es mich geradezu überwältigt.

Inwiefern?
Ich dachte eigentlich, dass ich gut zuhören kann, aber durch diese Weiterbildung hat sich mein Verständnis von Zuhören völlig verändert. Deep Listening eröffnet ganz neue Ebenen, und ich bin froh, dass sich Menschen auf eine solche Weise miteinander verbinden können. Es war tatsächlich ein Aha-Erlebnis. Die ersten zwei Tage war ich sehr angespannt. Ich kannte niemanden, und auch die späteren Kolleginnen waren ja noch fremd. Mich in diesem Umfeld zu öffnen und Einblick in mein Persönlichstes zu geben, ist mir unheimlich schwer gefallen. Aber diese Woche hat mein Leben ein bisschen verändert.

Können Sie beschreiben, was Sie in diesem Seminar gemacht haben?
Bei Deep Listening bittest du den anderen, sich zu öffnen, und du tust es auch. Du begegnest dem anderen auf derselben Ebene und verbindest dich innerlich mit ihm - im Sinne von "Alle Geschöpfe sind gleichen Ursprungs, sind einer Natur". Auf diese Weise muss man gar nicht viel miteinander sprechen und beginnt doch, sich zu verstehen. Man urteilt nicht, fällt dem anderen nicht ins Wort, lässt ihm seine Persönlichkeit und schätzt das, was er sagt. Die Würde des anderen wird nicht angegriffen, alles wird so gelassen, wie es ist - völlig wertfrei. Das zu lernen, versetzt dich in die Lage, Dinge ganz anders zu sehen.

Es geht also über Augenhöhe hinaus?
Das war für mich der entscheidende Punkt: Sich auf dieselbe Augenhöhe zu begeben, lernt und praktiziert man auch in der klassischen Pflege. Aber diese innere Verbindung, das ist es, worauf man sich einlassen muss. Du bewegst dich eigentlich im anderen, du kannst fühlen, warum er das sagt, du verstehst es so sehr.

Kann es für den anderen auch zu weit gehen?
Ja, und deshalb lernt man auch, vorsichtig damit umzugehen. Wir haben eine Übung gemacht, in der wir innerlich sagen konnten: "Bis hierher und weiter will ich nicht zulassen, dass der andere so konkret etwas von mir wahrnimmt". Und ich hätte es nicht geglaubt, aber es hat funktioniert - mit Menschen, die ich überhaupt nicht kannte.

Hat diese Erfahrung Sie und Ihr Arbeiten verändert? Können Sie das konkret in Ihren Pflegealltag einbringen?
Es ist kostbar für die Arbeit, vorausgesetzt der andere ist dazu bereit. Mit einem Pflegegast habe ich gerade erlebt, dass er diese Bereitschaft hatte. Nach dem Spätdienst haben wir eine viertel Stunde zusammengesessen und dabei nicht gesprochen, beziehungsweise wir haben uns unterhalten - aber ohne Worte. Du kannst zusammen sein, hast diese Verbindung, umarmst dich schließlich und gehst auseinander. Und das ist für mich auch Deep Listening: ein Gespräch ohne Worte. Du verstehst dich und weißt, was der andere fühlt. Das ist ein Geschenk, das kann man lernen, und das ist wunderbar.

Und Sie sagen nicht: "Ich möchte jetzt mal ein bisschen Deep Listening mit Ihnen machen", sondern es ist eine ganz selbstverständliche Geste?
Manchmal ist es notwendig, es anzubahnen: "Ich habe das Gefühl, Sie möchten sprechen. Ich biete es Ihnen an und möchte Ihnen gerne zuhören" - So kann man natürlich auch ein Gespräch in Gang bringen. Es ist auf alle Fälle schön, wenn man sich vorher Zeit nimmt und zusammensitzt, so dass es sich entwickeln kann, denn es setzt schon ein gewisses Vertrauen voraus.

Was hat der Patient davon, was haben Sie davon?
Ich denke, der Patient spürt, dass jemand da ist, der mitfühlend ist. Zudem hinterlässt es eine ganz bestimme Ruhe, und die fühlt sich einfach schön an. Man reflektiert darüber dann auch nicht weiter. Es war gut, wie es war, und so lässt man es stehen.

Interview Detlef Eberhard

Weitere Informationen finden Sie unter Pflege und Deep Listening.